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aviare-Gründer Norbert Gronak im Interview

Nur weil ich mit meiner Boeing 737 unter der Golden Gate Bridge hindurchfliege, muss ich das ja nicht gleich auf Facebook posten. Norbert Gronak, Dipl.-Ing. für Luft- und Raumfahrttechnik, spricht über bewegende Flugmanöver, Unternehmensdigitalisierung und sein gespaltenes Verhältnis zu den sozialen Medien.

geschrieben von Oliver Sonntag | 25. Januar 2018

 

Ich werde ganz schön durchgeschüttelt, während unsere Boeing 737 im Tiefflug über die Bucht von San Francisco donnert. Es weht ein leicht böiger Wind. Das Wasser liegt zum Greifen nah nur wenige Meter unter uns wie ein blauer Teppich. Die Sonne ist vor einigen Minuten untergegangen und taucht den Himmel am Horizont in ein feuriges, prächtiges Farbenmeer. Eine bessere Kulisse hätte ich mir für unseren heutigen Flug nicht vorstellen können. Der Blick nach vorn aus dem Cockpitfenster ist beeindruckend. Wir fliegen so niedrig, dass wir die berühmte Gefängnisinsel Alcatraz quasi auf Augenhöhe passieren. Nun ist höchste Konzentration angesagt, denn wir wagen heute ein ganz besonderes Flugmanöver: Mit einem Passagierjet unter der Golden Gate Bridge hindurch. 

Das wird spannend! Ich halte das Steuerhorn fest in den Händen. Mein Co-Pilot unterstützt mich mit leichten Korrekturen, denn das hier wird Zentimeterarbeit. Und schon rast die Brücke auf uns zu. Ich halte den Atem an und … durch! Wow, what a feeling! Und zum krönenden Abschluss ruft mein Co-Pilot: “Achtung!” und reißt das Steuer an sich. Die Maschine steigt steil nach oben in den Abendhimmel. Ich werde mit voller Wucht in meinen Sitz gepresst. Es vibriert, knackt und knirscht. Unter uns wirds San Francisco kleiner und kleiner. Ist das geil! Und plötzlich steht alles still. Als sei die gesamte Szene eingefroren. “So, Pause.“, sagt mein Co-Pilot und verschwindet durch die Cockpittür nach hinten. 

Unser Gast Oliver Sonntag war sichtlich beeindruckt

Ich sitze tief beeindruckt auf meinem Pilotensitz und lasse noch einmal den Blick schweifen. Und dann bin ich auf einmal zurück in der Realität. Ich bin ja gar nicht im Himmel über San Francisco. Ich bin auf einem Hinterhof in der Berliner City-West, in dem originalgetreuen Flugsimulator einer Boeing 737. Dieser wird betrieben von der aviare consult GmbH, einem Ingenieurbüro für Luftfahrt-Consulting. Und mit deren Gründer und Geschäftsführer, Dipl.-Ing. Norbert Gronak, bin ich heute zum Interview verabredet. Auf wackligen Beinen steige ich die Treppe vom Simulator herunter, wo Herr Gronak mich schon erwartet. “Na? Wie war San Francisco?”, fragt er augenzwinkernd. Nachdem ich mich wieder an den festen Boden unter meinen Füßen gewöhnt habe, legen wir mit dem Interview los.

Oliver Sonntag und Norbert Gronak vor dem Sim

 

Herr Gronak, bitte stellen Sie doch sich und Ihr Unternehmen kurz vor.

Mein Name ist Norbert Gronak, ich bin Berliner, 53 Jahre alt und von Beruf Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik. Ich habe dieses Fach an der TU-Berlin studiert und nach meinem Abschluss für mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Flugführung an der TU gearbeitet. Danach habe ich mich als Consultant selbständig gemacht. Die aviare consult GmbH habe ich 2009 gegründet und leite diese seitdem als geschäftsführender Gesellschafter. aviare ist vom Grundsatz her ein Ingenieurbüro. Wir beraten weltweit Flughäfen, Behörden und Airlines und entwickeln für diese Gutachten und Studien. Unsere Spezialisierung liegt auf dem Thema Zertifizierung und Zulassung von Flughäfen, ganz gleich, ob diese neu- oder ausgebaut werden sollen.

 

… und wie ich bereits eindrucksvoll zu spüren bekommen habe, betreiben Sie auch einen eigenen Flugsimulator einer gängigen Passagiermaschine. Wozu das?

Ja, richtig. Wir betreiben hier einen eigenen Flugsimulator vom Typ Boeing 737. Darauf sind wir besonders stolz, weil wir diesen komplett selbst gebaut haben, einschließlich der Bewegungsplattform. Wir nutzen ihn im Rahmen unserer Analysen, Studien und Gutachten, aber auch für Pilotentraining und als Schulungs- und Unterhaltungsprogramm für das breite Publikum. Auch für Events oder Filmproduktionen wird er immer wieder gern gebucht.

Filmaufnahmen in unseren Räumlichkeiten

 

Wie kommt man denn auf die verrückte Idee, sich selbst einen kompletten Flugsimulator zu bauen?

Im Rahmen unserer Arbeit ist es immer wieder notwendig, bestimmte Situationen und Gegebenheiten möglichst real zu simulieren, z.B. um geplante Start- und Landerouten zu testen oder die Länge und Beschaffenheit von Start- und Landebahnen. Auch Flugunfallforschung und entsprechende Analysen werden bei uns in Auftrag gegeben. Da haben wir uns dann früher immer im Simulatorzentrum der Lufthansa eingebucht. Das war recht unflexibel und kostspielig. Das wollten wir ändern und uns im Rahmen der Simulatorflüge zeitlich und finanziell unabhängig machen.

 

Und dann baut man so ein Ding mal eben schnell selbst? Das ist ja nicht gerade LEGO- oder Fischertechnik-Niveau.

Das stimmt natürlich. Sagen wir mal so: die Entscheidung, einen eigenen Simulator besitzen zu wollen war eines Abends nach zwei Flaschen Wein mit meinem Partner recht schnell gefallen. Das Bauprojekt selbst dauerte dann aber etwa 2-3 Jahre und hat uns zwischenzeitlich fast das Genick gebrochen.

 

Was ist denn da passiert?

Wir hatten den Auftrag zum Aufbau des Simulators an ein Unternehmen gegeben, welches am Ende völlig unerwartet seine Zusagen nicht eingehalten hat. Nichts lief nach Zeitplan und die Technik funktionierte schließlich nicht wie sie sollte. Es war ein absolutes Desaster. Wir hatten ja in unserem Businessplan fest mit Einnahmen aus dem Simulatorgeschäft kalkuliert. Das drohte nun wegzubrechen. Als dann nach mehreren Monaten Verzögerung der Simulator immer noch nicht einsatzbereit war und sich herausstellte, dass der Dienstleister niemals im Stande sein würde, die geschuldeten Leistungen wie vereinbart zu erbringen, haben wir die Reißleine gezogen.

 

… und die Sache selbst in die Hand genommen? 

Genau! Wir haben den Dienstleister rausgeschmissen und uns so lange und intensiv mit der Materie beschäftigt, bis wir in der Lage waren, jede Schraube, jeden Knopf und jedes Stück Software im Cockpit eigenständig bis ins kleinste Detail zu verstehen und zum großen Ganzen zu verbauen, einschließlich der Bewegungsplattform unter dem Simulator. Das war natürlich unheimlich aufwändig und hat uns zunächst zeitlich und finanziell weit zurückgeworfen. Der erste offizielle Simulatorflug startete mit rund einem Jahr Verspätung. Wir mussten uns ja noch um unser tägliches Consulting-Geschäft kümmern und haben das Simulator-Bauprojekt in Nacht- und Wochenendschichten bestritten. Das war schon ziemlicher Wahnsinn. Aber als unser Baby dann schließlich “abhob”, war das ein unbeschreibliches Glücksgefühl und wir waren mächtig stolz.

Die Bauphase des Sims

 

Jetzt dürfen Sie nochmal so richtig Werbung in eigener Sache machen. Also: Warum sollte ich für einen Simulatorflug zu aviare gehen? Gibt’s im Simulator-Geschäft nicht auch andere Anbieter?

Ja, die gibt es. Aber abgesehen von den Simulatoren in den großen Trainingszentren betreiben wir bei aviare deutschlandweit den einzigen Flugsimulator mit einer Bewegungsplattform.

 

Ist eine Bewegungsplattform denn so wichtig?

Auf jeden Fall. Das ganze Flugerlebnis wird erst durch die Bewegungen so richtig authentisch. Kurven fliegen, beschleunigen, steigen, sinken, das muss man doch mit dem ganzen Körper spüren. Flugsimulation ohne Bewegung ist wie Schwimmen auf dem Trockenen. Da bleibt das echte Erlebnis auf der Strecke. Davon kann ich nur abraten. Wenn Flugsimulation, dann nur mit Bewegung!

Unser Eingang in der Kantstraße

 

Herr Gronak, ich danke Ihnen für das Interview* und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg mit Ihrem Unternehmen.


* Das gesamte Interview können Sie unter blogvomsonntag.de lesen. Autor Oliver Sonntag ist selbst Unternehmer und schreibt auf seinem Blog blogvomsonntag.de über Unternehmen und Digitalisierung.


 

 

 

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